Eine Frau bedient zwei Gäste in einem Café in Wolfenbüttel. Die Gäste sitzen auf einem Sofa und einem Sessel. Im Hintergrund steht eine alte Lampe.
Aurora Dollenberg (links) und Mimoza Morina haben sich zum Plausch im Café Blütenzauber getroffen. Doreen Mildner (rechts) serviert Kaffee und Leckereien. Foto: Kai-Uwe Ruf

Wolfenbütteler Okerstraße gefällt als Treffpunkt und Bummelmele

Cafés, Boutiquen und verschiedene Läden laden zum Bummeln und Verweilen ein. Eine Reportage von einem besonderen Teil der Wolfenbütteler Innenstadt.

Eine Frau bedient drei Gäste in einem Straßencafé in Wolfenbüttel.
Entspannt im Freien sitzen und das Treiben auf der Okerstraße genießen: Sabine Umunna (rechts) im Gespräch mit ihren Gästen (von links) Astrid Löhr, Michaela Bölsing und Simone Lehmann. Foto: Kai-Uwe Ruf

Von Kai-Uwe Ruf

 

Manchmal ist fast ein bisschen viel los. Beispielsweise, wenn am späten Vormittag gleich zwei Paketboten mit ihren Lieferwagen durch die Wolfenbütteler Okerstraße wollen. Der Fahrer des gelben DHL-Autos trägt ein Paket in ein Haus. Sein Kollege von UPS wartet dahinter darauf, dass es weitergeht und lächelt derweil durch die offene Tür den Passanten zu. Die Gäste, die ein paar Meter entfernt im Café sitzen, lassen sich durch den Trubel nicht beim entspannten Plausch stören. Nach dem Lockdown sind buntes Treiben und Lebensfreude zurückgekehrt in die Okerstraße – auch wenn die Corona-Beschränkungen bei den meisten Geschäftsleuten tiefe Spuren hinterlassen haben.

370 Meter lang ist die Straße zwischen Neuer Straße und Holzmarkt. Und es herrscht durchaus Vielfalt. Es gibt Arztpraxen, Anwaltskanzleien und Apotheken, Thai-Massage, einen Weltladen einen Ein-Euro-Shop, ein Schuhgeschäft und manches mehr. Zum Treffpunkt und zur Bummelstrecke aber wird die Straße vor allem durch Cafés und Boutiquen, ein griechisches Restaurant und einen türkischen Imbiss.

Aurora Dollenberg und Mimoza Morina sitzen in Doreen Mildners kleinem Café Blütenzauber in der Sofa-Ecke und schnacken. „Wir sind schon wieder viel länger geblieben, als geplant“, sagt Dollenberg und lacht. Das Café im Großmutter-Stil sei einfach zu gemütlich, um nur kurz Pause zu machen. Und die Waffeln schmecken richtig lecker. „Die sind sogar besser als in Belgien“, meint die Ärztin.

Mildner freut sich über das Kompliment. Mit ihrem Team bereitet sie die Waffeln selbst zu, immer wieder frisch. Apfel- und Kirschkompott gibt es dazu. Selbstgemachter Crumble-Kuchen und hausgemachte Müslis gehören ebenfalls zum Angebot.

Einzigartig wird die Atmosphäre aber, weil das Café gleichzeitig auch ein Fachgeschäft für Floristik ist. Es gibt Blumen, Kränze und allerhand Deko-Artikel. Die Wände sind geschmückt mit Uhren, Kisten, Kästchen, Herzen, Kerzen und Allerlei mehr. „Die Gäste sehen immer wieder etwas Neues, stehen auf, schauen es genauer an und setzen sich dann wieder, um weiter Kaffee zu trinken – und so ist es auch gedacht“, erklärt die Betreiberin ihr Konzept.

Ein paar Meter weiter, im Café Kaffeezeit, läuft leise Samba-Musik, während Inhaberin Sabine Umunna Cappuccino zubereitet. Sie steht in einer offenen Küche hinter einer Theke, die aus alten Holzpaletten zusammengebaut ist. Umunna setzt auf Bioqualität und Nachhaltigkeit. Es gibt selbst gebackene Kuchen, vegan und glutenfrei, aus Vollkornmehl mit Früchten der Saison. Ein paar kleine Tische mit Stühlen und eine Sofaecke laden zum Verweilen ein, selbst gefertigte Regale und viele Blumen sorgen für eine entspannte Atmosphäre. „Alles ist selbst gemacht, alles ist offen, und es ist immer Zeit für einen kleinen Plausch – das macht den Charme des Cafés aus“, schwärmt Silvia Nauen, die zu Gast ist.

Ein Mann steht hinter der Theke eines griechischen Restaurants.
Christos Andrelos in seinem Restaurant Pantopoleio. Foto: Kai-Uwe Ruf

Vintage-Look und eine lockere Mischung aus neu und gebraucht prägen auch den Stil des Restaurants Pantopoleio. „Pantopoleio – das heißt im griechischen Tante-Emma-Laden“, sagt Betreiber Christos Andrelos. Und so solle sein Restaurant auch auf die Gäste wirken – gemütlich und ein wenig bunt zusammengewürfelt.

Schwieriger wird es, wenn es um die Speisekarte geht. „Viel Fleisch und Pommes frites – das ist es, was die Leute von einem griechischen Restaurant erwarten“, sagt Andrelos und schimpft ein wenig. Er möchte andere griechische Speisen bieten: mehr Gemüse, mehr Fisch. Es sei aber nicht leicht, ausreichend Publikum für mediterrane Delikatessen zu finden. Um Verwirrung zu vermeiden, hat er den Begriff „ griechisches Restaurant“ bereits vom Namensschild seines Lokals entfernen lassen.

Auf die Corona-Beschränkungen hat er reagiert: Um ausreichend Bewirtungsplätze im Freien zu bieten, hat er den Gartenbereich des Restaurants komplett mit einem Zelt überdacht. 

Mit dem langen Lockdown hatten fast alle Anbieter in der Okerstraße zu kämpfen. Mina Alievska, Inhaberin der Boutique Red Door, hofft, dass es nicht wieder zu Schließungen kommt. „Noch mal ein Lockdown wäre das komplette Aus“, befürchtet sie.

Alievska bietet Damenbekleidung und Accessoires aus erster und zweiter Hand an. Wer ihr Geschäft durch die auffällige rote Tür betritt, steht zunächst vor einem schwarzen Klavier. Dann erst fällt der Blick auf bunte Röcke und Blusen. Die Waren verkauft Alievska in Kommission. Schlecht gehe es derzeit, berichtet sie. Dabei habe vor Corona alles so gut ausgesehen. „2019 war mein bestes Jahr“, blickt sie zurück. Aber die Lockdown-Phase sei erheblich an die Substanz gegangen. Freunde hätten ihr finanziell helfen müssen. Auf einen Teil der Überbrückungshilfen warte sie immer noch.

„Räumungsverkauf“ steht ein paar Meter weiter auf einem gelben Schild im Schaufenster der Boutique „Exquisites von Julia“. Auch Betreiberin Julia Zehireva hat unter dem Lockdown gelitten. „Ich mache nicht zu“, versichert sie. Aber sie habe nun viel Ware, die sie verkaufen wolle. „Müde und enttäuscht“ sei sie nach der langen Corona-Zeit: „Man kann nicht planen, man weiß nicht, was kommt.“

Kritik übt sie auch am Standort Okerstraße. Gut sei er wegen der Nähe zur Langen Herzogstraße, aber ideal eben doch nicht. „Man merkt schon, dass es B-Lage ist. Die Passanten kommen vom Bus, aber sie gehen vorbei.“ Vor allem junges Publikum vermisse sie.

Sabine Gleitz-Heche ist eher die Ausnahme. Die Inhaberin von Fashion-4-Kids musste ihr Geschäft während des Lockdowns nicht schließen. Babyfachgeschäfte waren von der Regelung ausgeschlossen, erklärt sie. Und nach dem Ende des Lockdowns sei das Kundeninteresse sogar eher gestiegen. Gleitz-Heche: „Die Menschen kommen wieder mehr in die Kleinstädte. Sie haben genug vom Internet-Einkauf und merken, dass kleine Geschäfte wichtig sind.“

 

Quelle: Wolfenbütteler Zeitung online: 2. August 2021


Quelle: Braunschweiger Zeitung: 30. Juli 2021