Fluglehrer Timo Musiol (rechts) gibt Schüler Ives Bartels Anweisungen. Bartels hat den ersten Teil seiner Ausbildung bereits hinter sich und darf alleine starten. Foto: Kai-Uwe Ruf
Fluglehrer Timo Musiol (rechts) gibt Schüler Ives Bartels Anweisungen. Bartels hat den ersten Teil seiner Ausbildung bereits hinter sich und darf alleine starten. Foto: Kai-Uwe Ruf

Begeistert vom Gleiten auf dem Wind

Timo Musiol widmet seine Freizeit seit zehn Jahren dem Segelflug. Der 25-Jährige engagiert sich ehrenamtlich als Fluglehrer in Wolfenbüttel.

 

Von Kai-Uwe Ruf

 

Es ist aufregend. Bevor es losgeht, bekommt man einen Fallschirm auf den Rücken geschnallt. Dann erst darf man sich in das enge Cockpit des Flugzeugs zwängen. Von außen schließt jemand die große, durchsichtige Kunststoffhaube. Die gleißende Sonne scheint hindurch. Segelfluglehrer Timo Musiol hat derweil auf dem hinteren Sitz platzgenommen. Ich blicke vorne hinaus und sehe, wie sich ein Seil, das unter dem Flugzeug befestigt ist, strafft. Eine Winde reißt uns voran. Es holpert kurz, dann geht es so gewaltig nach oben, dass eine Fahrt in einer Achterbahn dagegen langweilig erscheint.

  

Nach wenigen Sekunden sind 400 Meter Höhe erreicht. So lang ist das Seil der Winde. Es klinkt sich von selbst aus, und wir fliegen. Ganz frei. Und zunächst ganz vorsichtig. Ohne Motor geht es nicht weiter nach oben, sondern eher wieder hinunter. Timo Musiol sucht nach Auftrieb, nach der Thermik, die entsteht, wenn warme Luft nach oben steigt. Sie ist es, die Segelflugzeuge in der Luft hält. Und die Suche danach macht einen guten Teil des Spaßes der Menschen aus, die in den Segelflugzeugen sitzen, die an Wochenenden über Feldern und Dörfern kreiseln.

 

Musiol zieht mit engem Radius Kreise über einem Kornfeld. Die Schräglage ist beachtlich. Der Pilot sucht den Himmel ab nach dunklen dicken Kumuluswolken, die anzeigen, dass dort mehr Aufwind herrscht. Und er hat auch bald Erfolg. Von 400 Metern ging es bis auf 250 hinunter, aber dann werden schnell 600 und 700 Meter daraus. Musiol ruft von hinten: „Zweieinhalb Meter pro Sekunde. Das ist gut.“ Das ist die Geschwindigkeit, mit der wir steigen. Es würde sogar noch mehr gehen, erklärt er. Bis zu fünf Meter halte das Flugzeug aus.

 

Der 25-Jährige bringt bereits eine Menge Erfahrung mit. Vor zehn Jahren begann er mit dem Segelfliegen. Die Luftsportgemeinschaft habe damals Schnuppertage angeboten. Freunde hätten gesagt: „Da machen wir mit.“

 

Musiol ist dabeigeblieben. In der Zwischenzeit ist er Fluglehrer, Vorstandsmitglied, Kassenwart und auch noch Fallschirmwart. Er hat sogar einen Schein, der ihn zum Kunstflug berechtigt. Der Segelflug ist aus seinem Leben nicht mehr wegzudenken.

 

Schon mit 14 Jahren könne man als Flugschüler anfangen, mit 16 Jahren eine Fluglizenz erhalten. Die Ausbildung dafür dauere eineinhalb bis zwei Jahre – je nach Talent. Leicht sei es nicht. 50 Starts mit einem Lehrer müsse man nachweisen. Danach müssten zwei Lehrer zustimmen, damit man alleine fliegen dürfe.

 

Es folgten Flüge, bei denen man lerne, besser mit der Thermik umzugehen. Dann werde man vom Doppelsitzer auf einen Einsitzer umgeschult. Den Abschluss bilde eine Ausbildung zum Überlandfliegen. Man müsse nachweisen, dass man eine längere Strecke – mindestens 50 Kilometer – zurücklegen könne. Hinzu kommt ein umfangreicher Theorieteil.

 

Die Wolfenbütteler Segelflieger haben sich darauf spezialisiert, Schüler auszubilden. Sieben Fluglehrer gibt es im Verein. Dieter Obert ist der Ausbildungsleiter. Als Berufspilot hat er früher sein Geld verdient. Linienflugzeuge und Kampfjets habe er geflogen, erzählt der 58-Jährige, beim Gespräch im Schulungsraum. Aber seine Passion sei von Beginn an das Segelfliegen 

gewesen. Man lerne, mit großer Verantwortung umzugehen. Schließlich müsse man ein mehr als 100 000 Euro teures Fluggerät in der Luft halten. Obert schwärmt vom Gemeinschaftsgefühl und davon, dass beim Segelfliegen viele Leute unterschiedlichen Alters zusammenarbeiten.

 

Musiol nennt es Mannschaftssport: Denn alleine kann man nicht fliegen. Auf der Flugwiese des Vereins am Rand von Wolfenbüttel wird das deutlich. In einem kleinen rot-weißen Tower, der auf einen alten Kleinlaster montiert ist, sitzt ein junger Mann. Ein anderer hat in einem mindestens ebenso alten Laster Platz genommen, auf dem die Seilwinde montiert ist. Eine junge Frau kniet vorne unter einem der Segelflugzeuge und hängt das Seil der Winde ein. Und ein Mann hält die Tragfläche. Wenn er seinen freien Arm weit nach oben in die Luft reckt, gibt der Mann im Tower ein Signal an den Mann an der Winde, und dann geht es los. Perfekte Teamarbeit. „Zehn Leute sollten es an einem Flugtag schon sein. Dann wechselt man sich mit den Aufgaben ab“, sagt Musiol.

 

Trotz des technischen Aufwands sei das Hobby nicht teuer, versichert er. Ein Start koste lediglich zwölf Euro. Das liege daran, dass die Fluglehrer ehrenamtlich arbeiten und im Wolfenbütteler Verein sämtliche Arbeiten durch Vereinsmitglieder erledigt werden. Wer mitmacht, lernt sogar eine Menge Handwerkliches. Flugschüler hätten während des Winters den Tower auf einen alten Kleinlaster gebaut. Die Konstruktion der Winde auf dem anderen Wagen sei die Diplomarbeit eines Vereinsmitgliedes gewesen.

 

Zwischen März und Oktober wird geflogen. Im Winter stünden die technischen Arbeiten und die Pflege der vereinseigenen Flugzeuge im Mittelpunkt. Wer gerne bastele und schraube, stoße dabei auf viel Interessantes. Auch wenn die Mitglieder der Luftsportgemeinschaft ihre Flugzeuge selbst warten, gibt es vor Beginn jeder neuen Saison eine offizielle Kontrolle. Dabei bescheinigt ein behördlicher Prüfer den technischen Zustand der Flugzeuge.

 

Junge Leute lassen sich für den Flugsport offenbar begeistern. Im Wolfenbütteler Verein gibt es rund 45 aktive Mitglieder. Mehr als die Hälfte von ihnen ist unter 25 Jahren alt. Und eine ganze Reihe davon haben bei Musiol und Obert das Fliegen gelernt oder sind gerade dabei, es zu lernen.
„Das ist das eigentlich Tolle. Wenn man erlebt, dass jemand, dem man es gezeigt hat, selbst beginnt, sicher zu fliegen, und gekonnt mit der Thermik spielt“, sagt Musiol, während er das Flugzeug unter einer dicken Kumulus-Wolke von einem Rechtskreisel in einen Linkskreisel kippt.

 

Der Rumpf rüttelt leicht, als der Aufwind das Flugzeug voll erfasst und mit nach oben nimmt. Drei Meter pro Minute steigen wir jetzt. Der Pilot sieht zwei Vögel, die sich mit uns hinauftragen lassen. Bis auf 1200 Meter geht es nach oben. Sanft und stetig kreiselnd.

 

Dass Segelfliegen auch mit gewaltigen Kräften zu tun hat, fällt erst wieder bei der Landung auf. Der Rumpf rattert im Luftstrom, als der Pilot das Flugzeug querstellt, um schnell Höhe zu verlieren. Und als wir -- schon ganz niedrig -- über die kleine Hecke am Rand des Flugplatzes huschen, rüttelt es noch einmal, dann saust die Landewiese auf uns zu. Mit einem Ruck setzen wir auf.

 

Kurz darauf sind schon ein paar Mitglieder vom Verein da und helfen, das Flugzeug zum Startplatz zurückzubringen. Einer macht das Cockpit auf. Ein anderer bringt einen Haken mit dem Schleppseil unter dem Flugzeug an. Segelfliegen ist eben Teamsport.

 

Quelle: Braunschweiger Zeitung, 3. August 2018