
rosmarinduft und römische Relikte
Ich habe noch den Duft von frischem Rosmarin in der Nase, als wir die schmale Straße am Rad der Alpilles Richtung Fontvieille rollen. Unsere Tour ist fast zu Ende. Zwei Kilometer sind es noch bis zum Stadtrand. Wir waren mit den Mountainbikes in den Höhen des Naturparks unterwegs. Meist auf schmalen Pfaden, die fast besser zum Wandern geeignet sind als für eine Radtour. Ich bin müde und denke schon daran, wie schön es wäre, sich jetzt für ein Getränk in einem der kleinen Cafés von Fontvieille niederzulassen - an einem Tisch im Schatten eines Sonnenschirms sitzen, die Beine ausstrecken und dann ein Schluck Kaffee …
Aber dieser Genuss muss noch warten. Auf einmal sehen wir helle Mauern rechts und links der Straße. Sie sind groß, aus unzähligen hellen Steinen gebaut. Es gibt Bögen, die so groß sind, dass wir ohne Probleme hindurch gehen können. Wir sind am Aquädukt von Barbegal angekommen. Den Überresten einer gigantischen antiken Wasserleitung, mit den die Römer die Stadt Arles mit Wasser versorgen und auch die nahen Mühlen von Barbegal betrieben. Fast 2000 Jahre ist das Aquädukt alt. Hier am Rand der Alpilles ist immer noch so viel von diesem Bauwerk erhalten, dass wir über das Ausmaß, die Technik und die Präzision staunen, mit der die Römer damals bauen konnten.
Die Baumeister der Antike waren Ausnahmekönner
Natürlich hat in der Zwischenzeit der Zahn der Zeit an den Mauern genagt. Zu sehen sind nur Überreste von dem was vor vielen Jahrhunderten hier stand.
Aber wenn ich unter einem der Bögen des Aquädukts hindurchgehe, erlebe ich welche Ausnahmekönner hier am Werke waren. Für die Pfeiler und Bögen nutzten sie kleine Werksteine und ergänzten sie mit Backsteinen. Für den Unterbau verwendeten sie große Steinblöcke. Und all das setzten sie so solide aufeinander, dass es 1800 Jahre später immer noch fest steht. „Nicht einsturzgefährdet“, könnte man auf ein Schild schreiben, dass man vor dem Monument aufstellt.


Wasser auch für die Mühlen von Barbegal
Der Teil des Aquädukts, das man bei Fontvieilles bestaunt, war in der Antike Teil eines ganzen Systems. Die Römer versorgten mit ihm die Stadt Arles (damals noch Arelate genannt) mit Wasser und trieben auch die Mühlen von Barbegal an, den größten bekannten Industriekomplex der antiken Welt. Im Rahmen eines Ausflugs kann man beides besichtigen, das Aquädukt und die Reste der 16 alten, wassergetriebenen Mühlen. Die Mühlen sind für alle Technikfreunde mit Geschichtsinteresse ein Muss. Sie sind das erste bekannte Beispiel für senkrecht drehende Mahlwerke überhaupt. Die Anlage gilt als sehr gut erhalten. Historiker sehen in ihr einen Beleg für den Niedergang der Sklavenwirtschaft durch den Einsatz von Maschinen.
All das erfährt man, wenn man Wikipedia liest und zudem die Internetseite von Alpilles en Provence besucht. Das Erlebnis einer Zeitreise, die einen zurück in die Antike versetzt, bekommt man jedoch nur, wenn man hinfährt und zwischen den Bögen des Aquädukts im Schatten der Bäume spazieren geht. Hier endet der Höhenzug der Alpilles und senkt sich steil hinunter in eine Ebene. In der Ferne sehen wir Arles. Gudrun steht zwischen den Mauern des Aquädukts, dort wo früher die Rinne gewesen sein muss, in der das Wasser floss. Die Ingenieure der Römer konnten das Gefälle damals genau messen und so für einen gleichmäßigen, ruhigen Fluss des Wassers sorgen. Mindestens 0,5 Prozent Gefälle waren vorgeschrieben.
Über der Ebene vor Arles flirrt die Septemberhitze
Die Niederungen zwischen den Hügeln der Alpilles und Arles waren in der Antike ein Sumpfgebiet. Heute sind Sümpfe längst trockengelegt. Jetzt, Mitte September, flirrt die Hitze über der Ebene. Ich kann mir leicht vorstellen, wie wichtig frisches Wasser für die Menschen in der Stadt war. Schwerer fällt es, sich vorzustellen, wie viele Menschen hier schuften mussten, um das Aquädukt zu bauen. Aber auch das gehört zur römischen Geschichte.
Dann kommt ein Reisebus aus Richtung Paradou. Er stoppt nur wenige Meter vom Aquädukt entfernt. Die Fahrgäste steigen aus. Für uns wird es Zeit weiterzufahren. Vielleicht gibt es in Fontvieille noch einen Kaffee.
Robert Harris macht ein Aquädukt zum Thriller-Thema
Der britische Thriller-Autor Robert Harris hat das Thema römische Aquädukte in seinem Roman Pompeij aufgegriffen. Er erzählt, wie die antike Stadt bei einem Ausbruch des Vesuv im Ascheregen versinkt und stellt dabei den Mann in den Mittelpunkt, der für die Pflege des Wassersystems zuständig ist. Harris hat die Historie präzise recherchiert und unterhaltsam verarbeitet.

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