
Radfahren und bummeln im Herzen Burgunds
Spätestens als der schmale Weg rechts entlang des Canal du Centre die kleine Biegung nach links macht und dann den Blick auf ein paar Hausboote frei gibt bin ich sicher: „Ja, das ist ein guter Ort für einen Radausflug. Wir sind in Chalon sur Saone. Es sollte eigentlich nur ein kleiner Zwischenstopp auf dem Weg weiter nach Süden werden, aber wir merken schnell: Chalon hat mehr zu bieten. Für Radfreunde ist es eine gute Adresse – und für Freunde von gutem Wein und leckerem Käse sowieso.
Zuerst aufs Fahrrad. Für alle, die nicht ortskundig sind, gibt es Karten und Faltblätter mit Tourenvorschlägen. Außerdem hilft die Internetseite Komoot mit Streckeninformationen.
Wir haben uns eine Tour entlang des Canal du Centre nach Chagny ausgesucht. 44 Kilometer sind das – hin und zurück wohlgemerkt. Ein eher kurzer Ausflug, der uns Zeit lässt zu verweilen, zu schauen und einen Stopp in einem Café einzulegen. Außerdem haben wir eine Picknickpause vorgesehen. Soweit der Plan.
Los geht's. Wir queren den Fluss auf einer alten Brücke, halten uns dann ostwärts, um an den Stadtrand zu gelangen. Der Radweg ist gut ausgeschildert. Wir müssen nur ein einziges Mal etwas länger suchen. So gibt es kein Hin und Her und keine Nerverei. Weniger schön: Zunächst fahren wir durch ein Industriegebiet. Aber dann, als wir die Hausboote sehen, beginnt der romantische Teil der Tour. Der Weg führt immer direkt am Kanal entlang. Wir sind meist weit weg vom Autoverkehr, genießen die Ruhe und die schönen Bilder, die die Landschaft uns bietet: Waldstreifen, Felder und entlang des Kanals eine kleine Reise in Frankreichs Industriegeschichte.
Am Canal du Centre
Die Strecke nach Chagny ist nur ein kleiner Teil des Canal du Centre. Die Wasserstraße, die auch den Namen Kanal du Charolais trägt, ist insgesamt 112 Kilometer lang. Erste Pläne dafür hat bereits Leonardo da Vinci entworfen. Gebaut wurde der Kanal aber erst ab 1784. Neun Jahre später fuhren die ersten Schiffe darauf. Zusammen mit dem Canal du Loing, dem Canal de Briare und dem Canal latéral à la Loire bildet er eine lange Kette von Kanälen. Schiffe können so von der Seine bis ins Mittelmeer gelangen. Als die Kanäle gebaut wurden, waren sie wichtige Verkehrsverbindungen. Man muss sich vorstellen, dass es damals nur wenige Straßen gab, und die, die existierten, waren schlecht. Kanäle zu nutzen war eine gute Option. Heute sind auf dem Canal du Centre hauptsächlich Freizeit- und Tourismusboote unterwegs.
Meist aber ist es ruhig. Einige Abschnitte scheinen gar nicht mehr befahren zu werden. An manchen Stellen liegen ein paar Hausboote. Einige werden offensichtlich touristisch genutzt, andere dienen als Wohnschiffe. Ihre Decks sind mit Blumen geschmückt. Auf manchen stehen Tische und Stühle wie auf einer Terrasse.
Wir kommen an etlichen Schleusen vorbei. Einige der Schleusenwärter-Häuschen sind noch bewohnt. Wir freuen uns über den Blumenschmuck in den Gärten und den Pflanzkästen vor den Fenstern. Als im 19. Jahrhundert die mit Kohle beladenen Kähne ins Industriegebiet um Montceau-les Mines fuhren, war es hier sicher nicht so schön, denke ich in einem Moment. Von der Geschichte ist nur der romantische Teil geblieben.


Kaffeepause in Chagny
Angler stehen am Ufer und versuchen ihr Glück. Etwas weiter sehen wir einen Graureiher.
Wir kommen nach Chagny. 6000 Einwohner, eine denkmalgeschützte Kirche aus dem 13. Jahrhundert, eine Apotheke aus dem 18. Jahrhundert und ein Feinschmecker-Tempel, listet die Internetseite Beaune-Tourismus unter anderem auf. Uns gefällt vor allem der historische Marktplatz und ein kleines Café. An einem Tisch auf der Terrasse machen wir Pause.
Dann geht es zurück. Wieder am Kanal entlang. Diesmal mit Rückenwind und etwas schneller. Zum Picknick mit Baguette, Schinken, Käse und Apfelschnitzen stoppen wir an einem Tisch mit zwei Bänken gegenüber vor einem der Schleusenwärter-Häuschen. Solche kleinen Picknick-Plätze sehen wir immer wieder entlang des Kanals. Die Franzosen lieben es offenbar, auf ihren Ausflügen mitten in der Natur Pause zu machen und dabei gemütlich zu essen und zu trinken: eine angenehme Gewohnheit, die wir gerne übernehmen.
Wir sind nicht die einzigen Radler entlang des Kanals. Während unserer Pause kommen gleich mehrere Bikepacker vorbei. Sie haben große Taschen auf ihre Räder geschnallt. Offensichtlich sind sie mehrere Tage unterwegs. Der Weg entlang des Kanal du Centre lädt geradezu zu Radreisen ein. Er ist lang, meist windgeschützt und leicht zu befahren. Wer will, der kann in Chalon und Umgebung aber auch lange und anstrengende Radtouren bewältigen. Die Weinberge des Burgund sind nah, und die einzelnen Teile des Radwegenetzes lassen sich zu langen Touren kombinieren. Geschichtsfreunde könnten sogar bis Cluny radeln, einem Zentrum mönchischer Macht im Mittelalter. Etwas weniger anstrengend wird es, wenn man der Saone weiter nach Osten Richtung Verjux folgt.
Auf dem Markt in der Altstadt


Für unseren zweiten Tag haben wir eigentlich einen weiteren Radausflug geplant. Über Crissey soll es die Saone entlang Richtung Osten gehen. Aber dann kommt alles ganz anders. In Chalon ist Markttag, und wir sind gleich mittendrin. Keine Frage: Die Chalonnaises und Chalonnais lieben ihre Stadt und ihren Markt. Am späten Vormittag füllen sich die Altstadtgassen schnell mit Passanten. Die Menschen bummeln, treffen Bekannte, bleiben stehen, schnacken. Die Stände mit Obst, Gemüse, Fleisch, Wurst, Käse und vielen Leckereien lassen mancherorts nur wenig Platz. Es gibt sogar gebratene Hähnchen und fertige arabische Gerichte zum Mit-Nachhause-Nehmen.
Auch die Stühle vor den Bars, Cafés und Restaurants sind bald besetzt. Wir entscheiden schnell das zu genießen, streichen die Pläne für die große Radtour, kaufen Brot, Käse, Feigen und Äpfel für ein weiteres Picknick.
Beim Käsehändler reihen wir uns in eine lange Schlange ein. Wer hiereinkauft braucht Zeit, denn es geht nicht nur um Waren und Geld, das merken wir schnell. Der Händler scheint alle siene Kunden gut zu kennen. Mit jedem führt er ein kleines Gespräch. Es geht ums Wetter, die Familie oder auch um die Art, Käse richtig aufzuschneiden. Es ist beeindruckend, wie ein Profi das macht. Aber es braucht eben auch etwas Zeit. Und es ist auch genau das, was die besondere Atmosphäre des Marktes im Herzen von Chalon ausmacht. Die Menschen kommen hierher, um Zeit zu verbringen und nicht um schnell zu shoppen - das könnten sie ja auch im Supermarkt. Auch wir genießen das. Anschließend schlendern wir mit Käse, Brot, Äpfeln und ein paar Feigen hinunter zum Ufer der Saone, um auf einer Bank am Fluss zu picknicken. So entspannt kann ein Vormittag in Chalon sein.
Mein Fazit: Es war eher eine Zufallsbegegnung, aber Chalon sur Saone ist eine Stadt für viele Gelegenheiten. Gerne wieder.
Interessantes über andere französische Städte:
Amiens - mit Kathedrale und moderne Kunst
In Chatres will man die Kathedrale sehen
Weitere Informationen zu Chalon , dem Canal du Centre und Chagny:
Trotz intensiver Recherche habe ich keinen Einfluss auf die Inhalte externer Links.

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