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Die Höhlenwohnungen in Langenstein bei Halberstadt

Ein Sofa und ein Tisch stehen in einem kleinen Wohnzimmer. Die Wände sind aus grobem Sandstein. Es gibt zwei kleine Fenster. Von der Decke hängt ein Leuchter ohne Kerzen.
Blick in das Wohnzimmer einer Höhlenwohnung in Langenstein. Foto: Kai-Uwe Ruf

ein Zuhause im Sandsteinfelsen

In Langenstein am Harz laden Höhlenwohnungen zu einer Reise in die Vergangenheit ein. Die Lebensbedingungen waren hart, noch härter als die Ausstellung in dem Halberstädter Ortsteil zeigt.

Eine alte Holztür versperrt den Eingang zu einer Wohnung in einer Felshöhle. Es gibt zwei kleine Fesnter. Rechts neben der Tür steht ein kleiner Schuppen mit Ziegeln auf dem Dach. , die in einer Felsen
In dieser Höhlenwohnung am Burgberg lebte Karl Rindert bis ins Jahr 1916. Foto: Kai-Uwe Ruf

Schüchtern, fast ängstlich blickt der alte Mann auf dem Foto unter seiner Mütze hervor. Er wirkt schmächtig, zerbrechlich. Eher ein Männchen als ein staatlicher Mann – so erscheint Karl Rindert auf dem Foto neben dem Eingang zu einer der Höhlenwohnungen in Langenstein am Harz. Bis 1916 wohnte er in der Felsbehausung am Burgberg nahe der Altenburg – unter einfachsten Bedingungen. Das macht ein Besuch deutlich - etwas mehr als 100 Jahre nachdem Rindert seine Höhlenwohnung verlassen hat.

In Langenstein, einem Ortsteil von Halberstadt, gibt es eine ganze Reihe Höhlenwohnungen. Zwei wurden in den Steilhang des Burgbergs gegraben. In einer von ihnen wohnte Rindert.

Zehn weitere Wohnungen sind auf der anderen Seite des Dorfes am Schäferberg zu finden. Dort schufen sich im 19. Jahrhundert zehn Familien eine Heimat, die sonst offenbar nur schwer untergekommen wären. Einige der Wohnungen kann man heute noch besichtigen. Es gibt sogar Einrichtungsgegenstände, so dass man sich gut ein Bild vom damaligen Leben machen kann.

Auf Tafeln werden die historischen Hintergründe erläutert. Bei der Lektüre wird schnell deutlich, wie groß die sozialen Unterschiede im Harz Mitte des 19. Jahrhunderts waren. Wie Menschen trotz aller Armut darum kämpften, sich ein Zuhause zu schaffen, das machen die Höhlenwohnungen beeindruckend erlebbar.

Die zehn Familien hatten zwar Arbeit auf dem Gut in Langenstein, aber zunächst keinen Ort zum wohnen. Die Gemeinderäte empfahlen ihnen, Wohnungen in die Sandsteinfelsen am Schäferberg zu schlagen - nach dem Vorbild der Felsenwohnung am Burgberg, die schon 1787 entstanden war.

Mit Hammer, Meißel und Spitzhacke haben sie sich ans Werk gemacht. Zwischen zwei und fünf Monaten sollen sie gegraben haben, bis die etwa 30 Quadratmeter großen Wohnhöhlen fertig waren. Wohnzimmer, Küche, Schlafräume und Speisekammer gab es in jeder der Wohnungen, erfahre ich bei der Lektüre der Info-Tafel.

Es gibt nur Zimmerchen, keine Zimmer

  Wie eng und einfach es in den Höhlen zuging, erahne ich, als ich eine der Wohnungen betrete. Manchmal kann ich mich kaum umdrehen, ohne an eine Felswand zu stoßen. Es gibt nur Zimmerchen statt Zimmer. Die schmalen Betten füllen die Schlafräume fast vollständig aus. Nackte Felswände grenzen das Wohnzimmer ein.

 Trotz aller Einfachheit bleiben die Wohnungen nicht schmucklos. Den Tisch, der im Wohnzimmer vor dem schmalen Sofa steht, ziert ein gehäkeltes Deckchen, eine blankpolierte Teekanne steht darauf und eine Glasschale. Von der Decke herab hängt sogar ein Leuchter mit Kerzen.

 Ein kleines Fenster ist mit einer Gardine geschmückt. Nur wenig Licht scheint hindurch. Heller als halbdunkel wird es auch an einem sonnigen Nachmittag nicht. Vor den Wohnungen gab es kleine Gärtchen, damit sich die Bewohner selbst versorgen konnten.

Die Einrichtung täuscht über die realen Verhältnisse hinweg

Die Wirklichkeit des 19. Jahrhunderts war aber wohl noch eine Nummer heftiger. Die Einrichtung täuscht über die realen Verhältnisse hinweg, in denen die Menschen in den Höhlen lebten. Das macht Helmut Scholle auf Nachfrage deutlich. Scholle ist Vorsitzender des Vereins Langensteiner Höhlenwohnungen und er bietet auch Führungen durch die Wohnungen an. „Die Einrichtung entspricht nicht dem Stand der damaligen Zeit“, sagt er. Die Menschen hätten viel weniger gehabt: einen Tisch, einen Schemel, ein Schränkchen fürs Geschirr, einen Metallständer für die Wäsche, ein paar Töpfe und Eimer – das war's im Wesentlichen.

Auch Betten habe es nicht gegeben. Zum Schlafen dienten Lattenrost und Strohsack.

Toiletten gab es in den Höhlen nicht. Um ihre Notdurft zu verrichten gingen die Bewohner in kleine Herzhäuschen, die gegenüber im Hausgarten standen. Es waren einfache Plumsklos mit Holzkästen, die geleert wurden.

Der Verein habe die Höhlenwohnungen vergleichsweise luxuriöser ausgestattet, damit sich die Besucher überhaupt vorstellen könnten, das man früher in den Behausungen lebte, und dass Menschen sich die Höhlen als Wohnungen gruben.

Mit dem Begriff Armut möchte er trotzdem vorsichtig umgehen. „Arm waren damals die Leute, die keine Arbeit hatten und keine Wohnung“, sagt Scholle. Und in den einfach gebauten Fachwerkhäusern mit ihren dünnen Wänden sei es häufig kälter gewesen als in den Höhlenwohnungen.

In einen Sandsteinfelsen sind zwei Fenster und eine Tür geschlagen. An den Fenstern hängen Gardinen. Die Tür steht offen. Auf dem Dach wächst Gras.
Der Eingang zu einer Höhlenwohnung am Schäferberg. Foto: Kai-Uwe Ruf

Ende des 19. Jahrhunderts fand auch die Zeit der Höhlenwohnungen von Langenstein ihr Ende. Rund 40 Jahre lebten Menschen in den selbst gegrabenen Höhlen, dann seien sie in andere Unterkünfte gezogen, heißt es auf der Informationstafel.

Die Höhle gegenüber, nahe der Altenburg, war sogar etwas länger bewohnt. Der schmächtige Karl Rindert soll dort erst 1916 ausgezogen sein – aus gesundheitlichen Gründen und dann wohl auch nur ungern. In der Felswohnung sei er dem Herrgott ein Stück näher gewesen, soll er gesagt haben. So berichtet es die Infotafel vor seiner ehemaligen Wohnung.

Sie zu betreten ist fast ein bisschen befremdlich. Zunächst geht es ein paar ausgetretene, krumme Steinstufen hinauf, dann stehe ich vor einer alten Holztür. Sie ist mit einem Nagel verschlossen. Eng und dunkel ist es auch hier. In einer Ecke steht noch ein alter Ofen. Eine Gardine ziert das winzige Fenster neben der Eingangstür.

 

Er muss sehr einsam gelebt haben, denke ich, als ich noch einmal das Foto von Karl Rindert betrachte. Aber das ist vielleicht nur ein Eindruck den ich erhalte, wenn ich aus unserer Zeit einen Blick in die Vergangenheit werfe.

Der Besuch der Höhlenwohnungen ist eine beeindruckende Zeitreise. Mir hat sie deutlich gemacht, wie schwer das Leben früher war. Und dieses „früher“ ist noch gar nicht so lange her – nur etwas mehr als 100 Jahre.

Möglich wird der Ausflug in Vergangenheit und Sozialgeschichte auch durch das Engagement vieler ehrenamtlicher Helfer des Vereins Langensteiner Höhlenwohnungen.

 

Die Höhlenwohnungen können zwischen 10 und 17 Uhr besichtigt werden.

Auch Führungen werden angeboten. Dafür wendet man sich telefonisch an Herrn Scholle: Telefon: (03941) 602104.

 

Langenstein liegt etwa sechs Kilometer südlich von Halberstadt an der B81. Im Ort ist der Weg zu den Höhlenwohnungen gut ausgeschildert. Lediglich nach einem Parkplatz muss man suchen.

 

Wer sich auf den Weg zu Karl Rinderts Höhlenwohnung nahe der Altenburg machen will, sollte feste Schuhe anziehen. Der Weg ist teilweise steil. Mich hat es an die Teufelsmauer bei Blankenburg erinnert. Auch sie ist einen Ausflug wert, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Lesen kann man sie hier.


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Mehr Informationen zur Geschichte der Höhlenwohnungen findet man bei Wikipedia unter: Höhlenwohnungen Langenstein – Wikipedia

Auch die Seite harztourist.de informiert zu dem Thema Höhlenwohnungen.



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