
Strängnäs - Ein Spontanziel am Nationalfeiertag
Ich fasse es nicht. Gerade war der Blick noch frei. Und dann schiebt sich diese riesige schwarze Limousine mitten ins Blickfeld. Es ist ein alter Chevrolet. Oder ein Cadillac? Bei diesen alten amerikanischen Straßenkreuzern kenne ich mich wirklich nicht so genau aus. Aber ich weiß: In Schweden sind sie Kultautos. Die Besitzer pflegen sie und cruisen damit in ihrer Freizeit über die Landstraßen. Man kann darüber geteilter Meinung sein, aber ein Blickfang sind sie allemal.
So auch in Strängnäs am Mälarensee. Nur steht der alte Ami-Schlitten diesmal genau dort, wo ich mein Foto machen will – am Hafenparkplatz. Dort bietet sich eine der wenigen Gelegenheiten, beide architektonischen Sehenswürdigkeiten von Strängnäs gemeinsam auf ein Bild zu bannen: die rote Holländerwindmühle und den mittelalterlichen Dom.
Die Windmühle mit ihren sechs Flügeln steht auf einem kleinen Hügel. Sie wurde 1855 erbaut. Die ältesten Teile des Doms stammen aus dem 13. Jahrhundert. Später wurde das Gebäude erweitert. Im Juni 1523 krönten die Schweden dort Gustav Vasa zum König, berichtet die Internetseite schwedentipps.de.
All das ist Grund genug, die Gebäude auf ein Erinnerungsbild zu bannen. Aber dann kommt der Cadillac dazwischen – oder ist es doch ein Chevrolet?.
Es ist ohnehin viel los an diesem Abend in Strängnäs. Es ist der 5. Juni, der Abend vor dem schwedischen Nationalfeiertag. Auf der Halbinsel Visholmen, direkt neben dem großen Freizeithafen, steigt eine große Party, Mitten auf der Halbinsel steht eine große Bühne. Eine Rockband spielt. Überall sind junge Leute unterwegs, um in die Nacht hinein zu feiern.
Normalerweise kann man am Hafen parken. Es gibt sogar einen Wohnmobilstellplatz. Diesmal ist es aber anders. Eine freundliche Parkplatz-Einweiserin bittet uns, ein Stück weiter zu einem anderen Stellplatz zu fahren, fragt dann aber auch, ob wir zur Party kommen.
Mal schauen. Erst müssen wir auf alle Fälle Richtung Stadtrand. Dort finden wir direkt an einer Marina einen Platz für unseren Campervan und bummeln dann am Ufer des Mälaren Richtung Innenstadt. Eile haben wir nicht, die Nacht ist lang. Anfang Juni wird es in der Nähe von Stockholm nur für wenige Stunden dunkel.


Um diese Zeit feiern die Schweden gerne und diesmal ganz besonders. Der Nationalfeiertag liegt direkt vor Pfingsten. Das bietet sich für ein langes Wochenende an. Wir hatten zunächst geplant, das Wochenende in Stockholm zu verbringen. Aber ohne Vorbuchung gibt es keine Chance auf einen Stellplatz in der Hauptstadt. Daher sind wir nach Strängnäs ausgewichen. Die kleine Stadt liegt nur 90 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Viele Stockholmer kommen hierher, um der Hektik der Hauptstadt zu entfliehen. Im Internet werden viele Ferienunterkünfte angeboten. Als wir von unserem Stellplatz am Ufer des Mälaren Richtung Visholmen bummeln, kommen wir an vielen Luxus-Appartements vorbei mit riesigen verglasten Fronten. Wir blicken in großzügig gestaltete Wohnzimmer mit schicken Sofas und Sesseln, Hightech-Fernseh-Geräten und üppig ausgestatteten Bars.
Noch bevor wir nach Visholmen aufs Partygelände kommen, biegen wir rechts in ein Wohngebiet ab. Die Mehrfamilienhäuser dort sind wesentlich schlichter gestaltet. Sie stammen aus den 60-er Jahren, später wurden winzige Balkone angebaut. Aber an der Ecke gibt es eine Pizzeria. Sie ist rustikal eingerichtet. Einfache Tische, noch einfachere Stühle. Die Getränke bekommt man gleich in der Dose serviert. Die Pizzen sind lecker. Wir lassen uns Zeit. Als wir später nach Visholmen kommen, ist die Party in vollem Gange. Die Musik dröhnt von der Bühne herüber. Der Sound ist rockig, aber viel zu clean. Der Cadillac verstellt immer noch die Aussicht – wir beschließen, früh ins Bett zu gehen.


Am nächsten Morgen ziehen wir um. Ein paar Kilometer weiter um eine große Bucht herum gibt es einen Campingplatz. Auf dem Weg dorthin kommen wir an einer Industrieanlage vorbei, lassen uns aber nicht abschrecken und werden nicht enttäuscht. Der Campingplatz liegt mitten in der Natur, auf einer kleinen Anhöhe. Man hat einen schönen Blick auf den See. Über eine kleine Treppe gehen wir hinunter zum Ufer. Wir folgen einem Weg nach rechts und kommen in eine Wohnanlage mit Sommerhäusern. Von klein und pflegebedürftig bis groß, modern mit eigenem kleinen Hafen ist dort alles vertreten.
Wir drehen um, setzen uns für das Abendessen an den Steg direkt am Campingplatz. Abends treffen wir noch ein junges Paar aus Venezuela. Die beiden sind mit dem Motorrad unterwegs und nutzen das schöne Licht des Sonnenuntergangs ebenfalls für ein paar Erinnerungsfotos. Der Wald und der See lassen uns zur Ruhe kommen. Manchmal lohnt es sich, die ursprünglichen Pläne hinter sich zu lassen und spontan anderen Wegen zu folgen. Auch wenn sich manchmal unerwartet ein Cadillac ins Bild schiebt. Oder war es doch ein Chevrolet?
Strängnäs ist eine kleine Stadt am Mälaren, etwa 90 Kilometer westlich von Stockholm. Knapp 14.000 Menschen leben dort. Strängnäs ist ein Zentrum der pharmazeutischen Industrie. Pfizer und AstraSeneca haben dort Forschungsstandorte.
Die Stadt hat natürlich mehr zu bieten als Party, Pizza und Cadillac. Der Dom ist wirklich sehenswert. 1250 wurde mit dem Bau begonnen. Zunächst war es eine Holzkirche. Der gotische Ziegelbau entstand später.
Es gibt auch ein kleines Altstadtviertel mit typisch schwedischen Holzhäuschen: die Gyllenhjemsgatan. Mehr dazu erfährt man auf der Internetseite schwedentipps.de.
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